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"Unsere Stadt quillt über vor lauter Blech": 5 Fragen an VCD-Kreisgruppensprecher Gero Walter

Interview
  • Erstellt: 23.03.2022 / 08:01 Uhr von Antje Preuschoff
Der ökologische Verkehrsclub (VCD) hat es sich auf die Fahnen geschrieben, in der Stadt für fahrrad- und fußgängerfreundlichere Bedingungen und weniger Autoverkehr zu sorgen. Im Interview erzählt der Kreisgruppensprecher, wieso die Verkehrswende auch vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges Bedeutung hat und wie die Aktionen der noch jungen Kreisgruppe in Brandenburg an Wichtigkeit gewinnen.
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Meetingpoint: Sie sagten kürzlich, man möchte angesichts der Weltlage verzweifeln und lokales Engagement könnte sinnlos erscheinen. Was treibt sie dennoch weiter an?
Gero Walter: Natürlich hat mich das Gefühl erst einmal befallen, aber ich finde, wir sollten an den Dingen dran bleiben, bei denen wir einen Unterschied machen können. Also etwa zu versuchen, einen Zebrastreifen vor einer Schule zu bekommen, damit unsere Kinder sicher queren können.
Außerdem ist dieser Krieg auch ein fossiler Krieg. Wir sind abhängig von russischer Kohle, Erdgas und Erdöl und damit verwundbar. Das liegt auch daran, dass unsere Energiewende systematisch verschleppt worden ist. Kurzfristige Maßnahmen sind nun dringend notwendig. Das Offensichtlichste ist dabei ein generelles Tempolimit. Das hilft sofort, den Spritverbrauch zu senken. Die Nachfrage sinkt und damit gehen die Preise zurück. Das ist eine direkte Hilfe für die, die unmittelbar von den enormen Preisanstiegen betroffen sind.
Langfristig führt kein Weg an der Verkehrswende und damit weniger Autoverkehr vorbei. Dafür müssen die Alternativen attraktiv gemacht werden: besserer ÖPNV, mehr Fußgängerfreundlichkeit, und Radfahren muss für alle möglich sein, nicht nur für die Mutigen. Dafür setzen wir uns ein.
Mit diesem Ziel ist die VCD-Kreisgruppe seit August 2018 in der Stadt aktiv. Wie würden Sie den Erfolg seitdem einschätzen?
Gero Walter: Ich habe das Gefühl, dass ein Bewusstsein entsteht, das Verkehr nicht nur Autoverkehr bedeutet. Es sind viele Leute, die sagen, sie sind gern zu Fuß und zu Rad unterwegs.
Das kommt auch an anderen Stellen an. Die Stadtverwaltung beginnt, uns einzubeziehen, wie jüngst bei der Sanierung der Beethovenstraße. Sie haben unsere Anregungen aufgenommen und das Planungsbüro beauftragt, neue Varianten zu erstellen. Die vorgelegte Planung ist eine runde Sache.
Wir freuen uns auch, dass die Verkehrsbetriebe eine Veloschiene in der Großen Gartenstraße, Haltestelle Blumenstraße, eingebaut haben. Das wäre ohne unsere Hartnäckigkeit und Aktionen wie die Umfrage zu Schienenunfällen wohl nicht passiert. Wir hoffen nun, dass der Einbau von Veloschienen an Haltestellen und anderen Gefahrenpunkten künftig zum Standard wird. Leider ist die Chance in der Steinstraße vertan worden und der Einbau auch in der Ritterstraße nicht geplant.
Das ist häufig ein Problem. Es passiert etwas, aber nicht unbedingt an den richtigen Stellen. Ich würde mir wünschen, dass unsere Expertise da mehr angenommen wird. Dass wir nicht nur als die gesehen werden, die immer nerven, sondern auch als die, die beraten können.
Es wirkt so, als ob die VCD-Gruppe von vielen jungen Zuzüglern wie Ihnen getragen wird. Ist das richtig?
Gero Walter: Es sind schon viele dabei, die anderswo Erfahrungen gemacht und einen anderen Blick haben. Es gibt aber auch viele ältere Brandenburger, für die unsere Anliegen ein Thema sind. Weil sie es sich nicht mehr zutrauen, mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs zu sein angesichts des hier herrschenden Verkehrs.
Nachweisbar nimmt die Anzahl der Auto in der Stadt zu. Seit 2010 gibt es 4.000 neue Kfz, im Schnitt kommen jährlich 360 Auto dazu. Das ist auch ein Platzproblem. Die Autos müssen irgendwo hin. Rechnerisch werden für jede normale Nutzung drei Stellplätze gebraucht – vor der Arbeit, für Freizeit oder Einkauf und Zuhause. Bei einer Stellplatzgröße von zwölf Quadratmeter hat der Flächenbedarf allein fürs Parken in unserer Stadt seit 2010 um 14,4 Hektar zugenommen. Das entspricht fast der Größe der Altstadt (16,7 Hektar). Unsere Stadt quillt über vor lauter Blech.
Im jüngsten Newsletter haben Sie lokale Projekte wie die Solawi (Solidarische Landwirtschaft) „Havelknolle“ oder die Marktschwärmer ans Herz gelegt. Warum unterstützen Sie diese?
Gero Walter: Damit die Verkehrswende gelingt, braucht es auch kürzere Transportwege. Dafür ist es wichtig, dass wir lokale Wirtschaftskreisläufe etablieren. Die Solawi ist da ein toller Ansatz, weil sie dafür sorgt, dass die Landwirte einen fairen Preis bekommen.
Was hat der VCD in diesem Jahr noch so vor?
Gero Walter: Jüngst ist unser [Crowdfunding für weitere Fahrrad-Reparaturstationen] gestartet. Ziel ist, sie an allen Schulen aufzubauen.
Das Erlebniswochenende Altstädtischer Markt ist extrem gut angenommen worden und hat zu einer umfangreichen Mappe geführt, wie der Altstädtische Markt verändert werden könnte. Wir wollen daher eine ähnliche Aktion machen.
Wir werden zudem erneut eine Kinder-Fahrrad-Demonstration „Kiddical Mass“ im Mai organisieren.
Außerdem hoffen wir, mit der „fLotte Branne“ im Sommer zu starten. Das ist eine gemeinsame Aktion mit dem ADFC. Geplant ist, dass unsere Lastenräder über eine Online-Plattform buchbar sind, mit einer Karte der Standorte und einer Übersicht der Verfügbarkeit aller Räder. Im Vorlaufbetrieb wird es – zusätzlich zum ersten VCD-Lastenrad „Pepe“ – eine ganze Reihe weiterer Lastenräder kostenfrei ausleihbar geben. Die können telefonisch angefragt und reserviert werden.

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