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Leserbrief: 75 Jahre Erster Abstich – Abgründe und Aufbrüche

Historisches
  • Erstellt: 29.07.2025 / 18:01 Uhr von Marius Krohn
20. Juli 1950 – einer der wichtigsten Tage in der Stadtgeschichte Brandenburgs an der Havel. An diesem Tag um 12:15 Uhr floss der erste Stahl aus dem ersten neu errichteten Siemens-Martin-Ofen I. Am 20. Juli 2025 haben wir diesen Tag gefeiert – doch, was feiern wir da eigentlich? Für Herbert Greif, den damaligen Hauptdirektor des entstehenden Stahl- und Walzwerks war die Sache eindeutig: „Schon diese Tatsache, dass über 3.000 Menschen in einem ernsthaften Bemühen, gemeinsam den Willen haben, am III. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands den ersten Siemens-Martin-Ofen in Betrieb gehen zu lassen, zeigt, dass hier nicht nur ein Stahlwerk entsteht, sondern gleichzeitig mit dem Bau des Stahlwerkes sich eine große gesellschaftliche Bewusstseinsänderung in den Köpfen der unserer werktätigen Bevölkerung vollzieht.“
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Viele dieser 3.000 Menschen sind auf den Fotos unserer Ausstellung zu sehen, die wir anlässlich des Jubiläums in einer ehemaligen Werkstatt auf der Ofenbühne zeigen: Wir sehen das Gelände des Stahl- und Walzwerkes als Trümmerfeld und Baustelle zugleich. Auf jedem Quadratmeter finden sich alte Fundamente, die das Ausschachten der neuen Gruben zu einem Kraftakt werden lassen. Junge Menschen, bis hin zu Schulkindern und Frauen in leichter Sommerkleidung arbeiten in diesen Gruben mit Schippe und Spitzhacke, Bagger sind kaum zu sehen und die Kräne sind zum größten Teil einfache Gittermasten mit Seilwinden. Alles geschieht nebeneinander, die alten Schornsteine werden gesprengt während die neuen gemauert werden, ein eingefrorenes Stahlbad ruht auf den Resten des Ofens, der es früher umgab, während in Sichtweite die neuen Gitterkammern gemauert werden. Auf den ersten Blick ist nicht immer zu erkennen, ob aufgebaut oder abgerissen wird. Ist es nun das von Herbert Greif ins Feld geführte „geänderte Bewusstsein“, das die Menschen antrieb, ein neues Werk zu bauen?

Es war wohl auch damals selbst den treuesten Genossinnen und Genossen klar, dass diese „große gesellschaftliche Bewusstseinsänderung“ mindestens starke Übertreibung war. Aber es gab in großen Teilen der Bevölkerung durchaus die Bereitschaft, etwas Neues zu wagen. Schon 1947 hatte die CDU in der Britischen Zone in ihrem Ahlener Programm konstatiert, dass der Kapitalismus „den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des Deutschen Volkes nicht gerecht“ gerecht geworden sei und „eine Neuordnung von Grund auf erfolgen“ müsse.

Vor allem die jungen Menschen waren von dem Gedanken an diese „Neuordnung von Grund auf“ sehr offen gegenüber. Sie standen schließlich vor dem Abgrund, den ihnen ihre Eltern und Großeltern hinterlassen hatten. Sie hofften, die Alten würden angesichts der von ihnen geduldeten oder gar begangenen Verbrechen still beiseitetreten und den Jungen Platz machen. Die Jungen dachten, mit Hilfe der Ideologie des Sozialismus eine neue Welt, ihre neue Welt gestalten zu können. Noch hatte der für viele so schmerzliche Prozess nicht begonnen, in dem sie erkennen mussten, dass die Alten nicht beiseitetreten würden, weder die Alten aus Moskau oder aus dem Widerstand gegen die Nazis, noch die Alten, die das NS-Regime mitgetragen hatten. Wenn wir den 75. Jahrestag des Ersten Abstiches feiern, so feiern wir keine Ideologie, wir feiern keinen Neuanfang und auch keine „Stunde Null“. Wir feiern einen Aufbruch, dessen Wurzeln so tief in der Geschichte stecken, wie die Wurzeln unserer Kiefern im märkischen Sand. Es ist ein Aufbruch in einer langen Reihe von Aufbrüchen in unserer Stadtgeschichte. Wenn man nur die Industriekultur betrachtet, beginnt diese Reihe spätestens im Jahr 1846 mit dem Mut der damaligen Stadtverwaltung, ihre letzten Pfennige und Grundstücke zusammenzukratzen, um den Anschluss der Stadt Brandenburg an die Eisenbahn zu ermöglichen. Oder denken wir an den Aufbruch ins Zeitalter von Eisen und Stahl, der damit begann, dass Elisabeth Krüger ihren Mann überzeugte, die abgebrannte Tuchfabrik nicht wieder aufzubauen, sondern 1874 die Elisabethhütte zu gründen. Oder die Brüder Reichstein, die sich nicht damit begnügten, Korbmacher zu bleiben und mit den Brennabor-Werken ein weltumspannendes Unternehmen aus der Taufe hoben. Oder die vielen Aufbrüche nach Demokratischer Revolution und Wiedervereinigung, die ehemalige VEB-Beschäftigte wagten, um neue Unternehmen zu gründen oder sich durch trotz Arbeitslosigkeit und unsicher Zukunftsaussichten nicht entmutigen zu lassen.

Vom Aufbruch der 1990er-Jahre zeugten die Grüße der RIVA-Gruppe, überbracht von Geschäftsführerin Katja Rex. Die RIVA-Gruppe übernahm in den 1990er-Jahren mit dem Elektrostahlwerk einen Teil des ehemaligen Stahl- und Walzwerkes und hat über viele Jahre die Produktion ausgebaut und in das Werk investiert. Von der Ofenbühne des Siemens-Martin-Ofens XII kann man live beobachten, wie die Brandenburger Drahtbunde per Zug und Schiff versandt werden und wie lange Züge voller Schrott und anderer Rohstoffe zum Elektrostahlwerk gezogen werden.

Ebenso vielfältig wie die großen gesellschaftlichen und „kleinen“ privaten Aufbrüche unserer Stadt waren die Kunstwerke, die Brandenburgerinnen und Brandenburger, aber auch Gäste der Stadt in der Woche vor dem Jubiläumsfest im Industriemuseum schufen. Sie zeugten vom privaten Aufbruch, wenn z.B. die Hausnummer des Eigenheims in den gehärteten Formsand gekratzt oder vom wohl wichtigsten Aufbruch im Leben, wenn die Umrisse der Hände der eigenen Kinder oder die Silhouette der Familie verewigt wurden.

Die Jubiläumsfeier war zugleich ein Fest für unsere eigenen Aufbrüche, die Aufbrüche des Industriemuseums. Die Bilder der 1990er-Jahre, als das Stahlwerksgelände „saniert“ wurde, ähneln äußerlich den Bildern des Jahres 1950 – Schuttberge, Schrotthaufen, an jeder Ecke wird gearbeitet, es staubt, LKW und Züge fahren durchs Bild. Und mitten drin das Museumsteam, das mit Handwagen und Kamera die Geschichten der Menschen dokumentierten, die diesem Werk auf unterschiedlichste Weise verbunden waren.

Doch auch das aktuelle Museumsteam kann sich hier einreihen, hatten wir doch mit der Corona-Pandemie und der Sperrung unseres Museums ausreichend Gelegenheiten, selbst neu aufzubrechen.

Nicht zuletzt gilt die Jubiläumsfeier zum 75. Jahrestag des Ersten Abstiches allen Brandenburgerinnen und Brandenburgern und allen anderen Freundinnen und Freunden der Industriekultur, die unsere Aufbrüche der letzten über 30 Jahre solidarisch und interessiert begleitet haben und die uns auch in der gegenwärtigen Krise unterstützen.

Für all diese Menschen in Gegenwart und Geschichte haben wir den Jubiläumsofen angeheizt. Fast auf die Minute genau 75 Jahre nach dem in Brandenburg der Erste Stahl floss, setzte Museumsleiter Marius Krohn die Zündfüllung des Ofens in Brand. Anschließend übernahm ein internationales Team bestehend aus Martina Barz (D), Kurt Dyrhaug (USA), Hans Molzberger (D), Michał Staszczak (PL) und Peter Kirde (D) das Kommando. Der aufsteigende Qualm und das Rauschen des Gebläses gaben eine kleine Vorstellung von der Atmosphäre, die bis zum 13. Dezember 1993 in der Stahlwerkshalle geherrscht haben muss. Von den Arbeitsbühnen rund um die Gießhalle ließ sich gut beobachten, wie der Ofen immer wieder geöffnet und mit Schrott und Koks gefüllt wurde. Die Flammen schossen jedes Mal höher aus dem Jubiläumsofen. Nach fast zwei Stunden war es dann so weit: Der Abstich konnte beginnen. Als das erste flüssige Eisen rotglühend in den Tiegel floss, ging auch ein kleiner Teil daneben – ein Feuerwerk aus Eisenfunken und Tropfen zog über die Künstlerinnen und Künstler hinweg, die natürlich dank ihrer Hitzeschutzbekleidung unversehrt blieben. Auch bei dieser Gelegenheit stellte sich die Frage: Wie war das nur, als hier 180 Tonnen abgestochen wurden? Immer wieder kam diese Frage auf – selbst beim Brechen der Formen entwickelte sich eine unglaubliche Hitze und auch zwei Stunden nach dem Guss waren die Formen noch so heiß, dass sie vor der Ausgabe an die vielen Künstlerinnen und Künstler mit Wasser gekühlt werden mussten. Ein Kunstwerk, dass sich im Splitt der Gießhalle versteckt hatte und erst nach vier Stunden gefunden wurde, war immer noch zu heiß, um es mit bloßen Händen zu berühren. Wir sind alle froh und dankbar, dass Schmelze und Guss unfall- und verletzungsfrei stattfinden konnten. Aus der Geschichte des Stahl- und Walzwerkes wissen wir, dass auch bei sorgfältigster Arbeit Unfälle nie ganz ausgeschlossen werden können. Ein Gruß an dieser Stelle an die Heilige Barbara, der Schutzpatronin des Bergwerks- und Hüttenwesens.

Während der Schmelze hatten die Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, an Führungen teilzunehmen, die sich besonders mit der Baugeschichte der Stahlwerkshalle und des Siemens-Martin-Ofens beschäftigten. Es stellte sich schnell heraus, dass sich die Technikgeschichte nicht vom wirtschaftlichen und sozialen Alltag trennen ließ. Durch die vielen Fragen, die weit über Einsatzstoffe, Niete und Schmelztemperaturen hinausgingen, dauerten die Führungen doch länger, als die ursprünglich geplante Dreiviertelstunde. Das ist eine Bestätigung für unseren Ansatz, die Technikgeschichte nicht isoliert zu betrachten, sondern die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen stets mit einzubeziehen, unter denen die vorgestellte Technik betrieben wurde.

Zum Schluss noch ein herzlicher Dank an die Mittelbrandenburgische Sparkasse, die das Jubiläumsfest durch ihre Spende erst möglich gemacht hat. Angesichts der guten Resonanz und den vielen interessierten Fragen zur Entstehungsgeschichte des Brandenburger Stahlwerkes werden wir uns wohl noch eine Weile mit diesem Thema beschäftigen. Die kleine Fotoausstellung mit den Bildern des Jahres 1950 wird jedenfalls noch eine Weile geöffnet bleiben und auch die Rundfunkreportagen werden dort weiterhin zu hören sein.

Besuchen Sie uns! Dienstags bis freitags zwischen 9 und 16 Uhr und am Wochenende oder an Feiertagen zwischen 10 und 17 Uhr! Glück auf!

Marius Krohn
Museumsleiter
Industriemuseum Brandenburg an der Havel

Bilder

Januar 1950 - Die Unterkonstruktionen der alten Siemens-Martin-Öfen müssen mit einfachsten Mitteln entfernt werden, viele Frauen helfen auf der Baustelle
15. Februar 1950 / Grundsteinlegung – von Anfang auch im Dienst der SED-Propaganda: Sondersitzung der Stadtverordneten in der Stadthalle (heute Theater), Demonstrationszug zum Stahlwerksgelände, dort durch Industrieminister Fritz Selbmann die Grundsteinlegung
15. Mai 1950 - Drei Monate nach der Grundsteinlegung, die ersten Bauabschnitte des Siemens-Martin-Ofens I sind erkennbar (Bildmitte), links die ersten gemauerten Reihen des Schornsteins I
20. Juli 1950 - Erster Abstich. Fertig gestellt sind der erste Siemens-Martin-Ofen und die Hallenstützen, die unbedingt für seinen Betrieb nötig sind. Wände und Dächer gibt es noch nicht.
20. Juli 2025 - Wenige Tropfen vergossenes Roheisen produzieren ein Feuerwerk in der Gießhalle
20. Juli 2025 - Stahl in der Gegenwart – Grußwort der Geschäftsführerin der RIVA-Gruppe Deutschland, Katja Rex. Die RIVA-Gruppe betreibt das 1979 in Betrieb genommene Brandenburger Elektrostahlwerk, einst Teil des VEB Stahl- und Walzwerk Brandenburg
20. Juli 2025 - Das Team des Jubiläumsofens (v.l.n.r.) Hans Molzberger (D), Kurt Dyrhaug (USA), Martina Barz (D), Michał Staszczak (PL), Peter Kirde (D)
20. Juli 2025 - Der Jubiläumsofen brennt! Neben dem Ofen steht der Koks in Papiertüten und der zu schmelzende Gusseisenschrott in Zinkeimern.
20. Juli 2025 - Beim Beschicken des Ofens muss der Deckel geöffnet werden, meterhohe Flammen erhellen die Gießhalle
20. Juli 2025 - Der erste Jubiläumsabstich!
20. Juli 2025 - Der erste Jubiläumsabstich!
20. Juli 2025 - Beeindruckend: Die Hitze, die von den vergossenen Plaketten abgestrahlt wird.
20. Juli 2025 - Das letzte Eisen fließt in die Formen.
20. Juli 2025 - Der Schlussakkord: Der Ofen wird unten geöffnet, Schlackereste und glühende Koksreste fallen heraus und müssen mit Wasser gekühlt werden.
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